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29Apr

Energiemarkt im Umbruch

Kategorie // Aktuelles

M&A als Retter oder als Desaster?

Man weiß es nicht so genau: befindet sich der Energiemarkt „nur“ im Umbruch oder im Chaos? – wie ist M&A darin zu beurteilen? Die Täter sind schnell ausgemacht: die deutsche Energiewende: raus aus nuklear, jetzt auch raus aus fossil, mit völlig offener Perspektive für zusätzliche CO2-Belastung, Kosten und Versorgungssicherheit. Die deutschen Energieversorger taumeln, neueste Gas- und Dampfkraftwerke sollen stillgelegt werden wegen mangelnder Nachfrage. Man kann sich nicht auf reine Bereitstellungskosten einigen, aber die Überbrückung von Stromlücken aus Sonne und Wind ist ungelöst. Am Ende überbrücken wir wohl die Stromlücken mit Nuklearstrom aus Frankreich und Tschechien – zu hohen Spotmarkt-Preisen, während wir überschüssigen Solar- und Windstrom zu Negativpreisen in das Netz einspeisen. Die Energieriesen wissen nicht wohin und engagieren sich erratisch per M&A in Auslandsmärkte und suchen zum Nuklear-Ausstieg („M&A“) den Weg über sozialisierte „Bad-Energy“-Töchter.

Die Fracking-Euphorie hat bereits ihre Opfer gefunden. Um dieses Segment zu erschließen, beschloss Siemens die Übernahme des Kompressor-Herstellers Dresser-Rand. Der Kaufpreis von 7,6 Mrd. USD galt bereits bei Unterzeichnung des Kaufvertrages im September 2014 als sehr hoch. Heute, nach der Halbierung des Ölpreises, ist der Preis für die Ölservicefirma überzogen. Wenn Ölförderkonzerne weniger investieren, verlieren Ausrüster wie Dresser-Rand oder Schlumberger an Umsatz und Wert. So scheint der weitere Vorstoß von Siemens ins Öl- und Gasgeschäft erstmal misslungen. Im prestigeträchtigen Bieterkampf gegen Sulzer bot Kaeser anfänglich 66 USD je Aktie, im September legte er auf 83 USD je Aktie nach – mit dem Nachbessern aber waren Sulzer-Konzernchef Klaus Stahlmann und sein Präsident Peter Löscher aus dem Rennen. „Gschmäckle“ dabei: Löscher hatte in seiner Zeit als CEO bei Siemens den Deal mit Dresser-Rand angeschoben. Nach seinem Einstieg bei Sulzer drückte er den Preis nach oben, bis Sulzer aus dem Rennen schied. Eigentliche Verursacher für das Abreißen des Fracking-Booms waren die Araber. Um der Verlagerung der Öl- und Gasproduktion aus der Golfregion in die USA entgegenzuwirken, floaten sie den Weltmarkt aus klassischen Quellen – so zwingt der niedrige Ölpreis die Öl- und Gaskonzerne, sich neu zu sortieren. In diesen Kontext ist die milliardenschwere Übernahme des britischen Gasproduzenten BG Group durch Shell einzuordnen. Für 64 Mrd. EUR (47 Mrd. GBP) übernimmt Shell den britischen Gasproduzenten BG Group. Dies ist wohl erst der Auftakt einer Übernahmewelle in der Energiebranche. An der Börse ist der Gasproduzent Großbritanniens drittgrößter Energiekonzern, der aus der ehemaligen Firma British Gas entstanden ist, derzeit 42 Mrd. EUR wert. Der Kurs des Unternehmens stieg an der Londoner Börse nach der Ankündigung der Übernahme um fast 40%. Der neue Konzern wird sich unter den internationalen Ölgesellschaften an die weltweite Spitze der größten Flüssiggasproduzenten katapultieren.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?

Auf absehbare Zeit ist die Fracking-Seite der Verlierer, das „klassische“ Öl- und Gasgeschäft scheint zu obsiegen. Auf der Verliererseite stehen erstens die deutschen Kleinkunden, die die Energiewende mit hohen Einspeisevergütungen zu bezahlen haben und denen jetzt auch noch Bereitstellungskosten für Gas- und Dampfkraftwerke drohen, und zweitens die deutsche Industrie: Versorger und Anlagenbauer.

Prof. Dr.-Ing. Kai Lucks
Vorstandsvorsitzender, Bundesverband M&A

 

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