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23Sep

Ausverkauf in Germany

Kategorie // Aktuelles

Von Kai Lucks

Immer wieder wird die Angst davor geschürt, dass Staatskonzerne und Oligarchen aus den Emerging Markets – und allen voran aus den BRIC-Ländern  –  auf dem Sprung sind, ganze Schlüsselindustrien bei uns in Deutschland aufzukaufen. Ist diese Angst berechtigt?

Gut die Hälfte der deutschen Targets wird ins Ausland verkauft. Die BRIC- Länder haben dabei einen nur sehr geringen Anteil:. China und Indien kommen  zahlenmäßig in 2013 gerade mal auf 2%, Brasilien und Russland liegen bei deutlich unter 1%. Von einer „bedrohlichen“ Welle von Unternehmensakquisitionen aus den BRIC-Ländern sind wir also weit entfernt. Öffentlichkeitswirksame Übernahmen, etwa von Putzmeister, Kion oder Kiekert, überhöhen die Bedeutung, die etwa die Chinesen im deutschen M&A-Markt haben. 

Die Emerging Markets haben sich im M&A-Markt aber ein Gewicht verschafft, das ihrer volkswirt­schaftlichen Bedeutung entspricht, denn auf das Bruttosozialprodukt bezogen haben sie mittlerweile vergleichbare Quoten erreicht wie die Industrieländer. Dabei lohnt es sich, die größeren M&A-Projekte näher zu betrachten, also Mehrheitsübernahmen etwa bei einem Investment von über 50 Mio €. Auffallend ist dabei, dass in allen BRIC-Staaten das nationale M&A-nach Anzahl um ein Vielfaches größer ist als das internationale  (Faktor drei bis zehn!). Über die vergangenen zehn Jahre lag das das Outbound M&A-Niveau auch bedeutend niedriger als der Inbound M&A, mit leichter Tendenz zu stärker werdendem Outbound. Nach der Finanzkrise sahen die M&A-Perspektiven der BRIC-Länder zunächst ganz positiv aus – dieser Trend ist jedoch in den letzten Jahren gebrochen und ihre M&A-Aktivitäten sind seit Jahren rückläufig. Also keine Gefahr?

Auch das ist nicht richtig, denn der Wettbewerb entscheidet sich bei den BRIC-Ländern zunächst im Inland. Hier entstehen mit hoher Geschwindigkeit große Konzerne durch Kombination von organischem Wachstum und Übernahmen. Ganz vorn im zehnstelligen Milliardenbereich liegen allerdings Rohstoffe, Energie und Telekommunikation, sowohl beim nationalen M&A als auch bei i outbound . Diese berühren uns, wenn es um die Kostenposition bei Rohstoff-Zugang betrifft oder wenn Russland seine Drohung wahr macht, die Gaspreise als Abwehrmaßnahme gegen die Ukraine-Sanktionen ins Feld zu führen. Das reine Technologie-M&A ist in der Regel um eine Größenordnung kleiner, mit einer überraschenden  Ausnahme, dem Erwerb der Joint Stock Company Institute for Research and Development of Tractors NATI für 41 Mrd. US$ durch die ZAO "Inzh Montazh Komplekt" als größter nationaler Deal in Russland (2010). 

Derzeit verhindern prozedurale Gründe, ein noch stärkeres Vorankommen durch outbound M&A. Zunächst ist dies die mangelhafte Kompetenz bei den M&A-Prozessen, die – im Vergleich mit den Industrieländern- langsam und schleppend verlaufen und nicht den Standard der Industrieländer haben. Daneben sind sprachliche, kulturelle und regulatorische Hemmnisse die wichtigsten Gründe für die Beschwerlichkeit der Prozesse. Dies betrifft vor allem den Verkauf von Unternehmen in der Krise und Insolvenz, bei denen verkürzte Prozesse gefragt sind. Doch in jüngster Zeit wurden hier große Fortschritte erreicht, wie die Übernahmen des Gleisschwellen-Herstellers Rail One (2013), des Automobilzulieferers Tekfor (2013 an die indische Amtek) oder der Raffineriebetreiber Petroplus (an den russischen Gunvor-Konzern 2012) zeigen. Der Wissens-Transfer um die M&A-Prozesse verläuft schnell, nicht zuletzt getriggert durch Consultingunternehmen mit westlicher Herkunft.

Muss man sich deshalb Sorgen machen? Im Grunde nicht, denn die Unternehmer aus den BRIC-Staaten, so unterschiedlich sie sind, haben mittlerweile einen guten Ruf. Die Chinesen haben aufgehört, marode Firmen zu kaufen und Fertigungen abzubauen und nach China zu transferieren. Sie kaufen zunehmend strategisch und vorwiegend gesunde Unternehmen, denen sie Perspektiven bieten. Die Inder liegen beim Outbound M&A vorranging in Industrie, Consumer und Healthcare. Die Brasilianer haben das Potenzial in Lateinamerika erschlossen und gehen hauptsächlich nach Nordamerika.

Die Bedrohung Deutschlands kommt nicht aus M&A per se sondern aus aggressivem organischen Wachstum, dem  Aufbau von Überkapazitäten in den Schwellenländern und dem Verdrängen ganzer Branchen aus den Industrieländern. So geschehen in Chinas Solarindustrie und möglicherweise auch in Bälde in der Windenergie. Höherwertige Branchen könnten folgen: Gasturbinen, Flugzeuge. Aber hier können die Industrieländer gegenhalten: wegen der hohen Konsolidierung der Märkte ist M&A aber kein Weg und der Technologievorsprung liegt bei mindestens 5 Jahren. Wir wissen, dass alle 4 BRIC-Länder im Technologiesektor  unterwegs sind und es bleibt Zeit, gegenzuhalten: durch Forschung und unsererseits organi­schem Vordringen  in den Schwellenländern. Denn dazu sind die BRICs zu klug: ihre Kronjuwelen werden sie uns nicht verkaufen.

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