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30Jun

Konkursverschleppung

Kategorie // Aktuelles

Essay zur aktuellen Griechenland- Problematik

Man reibt sich die Augen: noch eine Runde Verhandlungen mit der griechischen Regierung, noch ein Ultimatum? Und dann wieder eine Runde und nochmals eine Deadline? Die Schulden belaufen sich momentan auf 330 Mrd. €, sie können wohl niemals zurückbezahlt werden, egal ob Griechenland im Euro bleibt oder aus der Eurozone austritt. Ein Unternehmer hätte in solchen Relationen längst Konkurs anmelden müssen.

Die Größe der Verschuldung und die nötige Hilfeleistung haben „historische“ Dimensionen. Zum Vergleich: Der Marshall-Plan hatte 1948 einen Wert von 13,1 Mrd. US$, dies entspricht nach heutiger Währung 127 Mrd. Dollar. Und er wurde für einen viel größeren Bevölkerungsraum ausgesetzt, nämlich für die bedürftigen Staaten der Organisation for European Economic Cooperation (OECC), also ein „westlich orientiertes Gesamteuropa“ von Großbritannien bis zur Türkei, von Norwegen bis Griechenland, ja: Griechenland! Deutschland erhielt zwischen 1948 und 1953 insgesamt 1,4 Mrd. $, Griechenland rund 640 Mio. Die Länder hatten dagegen auch Verpflichtungen einzugehen: Durch Währungsreformen mussten die jeweiligen Staatsfinanzen stabilisiert werden. 
Die Politik schwankt, was Griechenland betrifft, zwischen „fallen lassen“ („Grexit“) und „halten –koste es was es wolle“? Bundeskanzlerin Angela Merkel möchte Griechenland mit aller Kraft im Euro halten. Sie rief noch am 26.6. die griechische Regierung auf, das "außergewöhnlich großzügige Angebot" der Geldgeber anzunehmen. Tsipras warnte dagegen nach dem EU-Gipfel in Brüssel vor "Erpressungen und Ultimaten".

Die Angebote aus Athen sind unzulänglich. Die finanzpolitische Basis ist nicht gegeben (war sie das überhaupt jemals nach dem Euro-Eintritt?). Etwa 230.000 Unternehmen hatten seit Anfang 2010 Konkurs anmelden müssen, was zur Folge hatte, dass die wirtschaftliche Leistung um ein Viertel einbrach. Angeblich haben 900 griechische Unternehmen in den letzten Jahren das Land verlassen und sind in das benachbarte „Steuer-und Einkommensparadies“ Bulgarien abgewandert. Immerhin: die griechische Regierung kennt jetzt kein Pardon mehr mit Steuersündern: Die Griechen können nun im Internet nachlesen, wer dem Staat große Summen schuldet und damit für die Wirtschaftsmisere im Land mitverantwortlich gemacht wird. Die Regierung in Athen veröffentlichte dazu kürzlich eine 170 Seiten lange Liste mit den Steuersündern. Sie schulden dem Staat insgesamt knapp 15 Milliarden Euro. Diese Maßnahme kommt jedoch viel zu spät. Schon vor Jahren übergab die Troika dem Land eine Liste von Steuersündern, die jedoch nur marginal abgearbeitet wurde. Die griechischen Oligarchen zahlen keine Steuern, wichtige Industrien wie die Reederei sind (nach der Verfassung!) steuerbefreit gestellt. Das Vertrauen der Bürger in den eigenen Staat ist so zerrüttet, dass jeder versucht, in den zulässigen täglichen Beträgen Euros abzuheben und „unter die Matratze“ zu legen, um im Fall der Einführung einer neuen (weichen) Drachme zumindest einen Rest an Vermögen zu sichern – längst liegen die Ertrags- und Substanzwerte von Betrieben und Immobilien am Boden. Wandert man durch die Einkaufsmeilen in Athen, dann haben nur noch Ramsch- oder Billiganbieter geöffnet.

Sind in Athen Poker-Spieler am Ruder?
Der griechische Finanzminister, gelernter Wirtschaftsmathematiker und international tätiger
Universitätsprofessor (z.B. Texas) Varoufakis hat jedenfalls an der Entwicklung von InternetSpielen mitgearbeitet. Varoufakis selber begreift sich als dezidierter, aber unorthodoxer Marxist, wie er in einem Vortrag aus dem Jahre 2013 darlegte und 2015 als Artikel im Guardian erschien. Er ist ein strikter Gegner der Austeritätspolitik als Antwort auf die griechische Staatsschuldenkrise. Seiner Ansicht nach „wurden hohe Verluste aus den Büchern der Banken auf die schwachen Schultern der griechischen Steuerzahler verschoben in dem vollen Bewusstsein, dass die Kosten, weil die griechischen Schultern zu schwach dafür waren, auf Deutschland, die Slowakei, Finnland, Portugal und andere überschwappen würden“. Nicht Griechenland sei gerettet worden, sondern Banken und verschiedene Hedgefonds. Da durch die drastischen Sparauflagen die Einkommen der Menschen um ein Viertel reduziert wurden und gleichzeitig die Lebenshaltungskosten
stiegen, sei es sowohl für die öffentliche Hand als auch für den privaten Sektor in
Griechenland unmöglich geworden, alte und neue Kredite zurückzuzahlen. Angesichts des Ausschlusses, die Staatsdefizite von der Unter- und Mittelschicht eintreiben zu können, der Unfähigkeit, die Oligarchen, die Oberschicht und die (noch verbliebenen) Industrien
zur Zahlung zu bewegen, angesichts der überbordenden ineffizienten Verwaltung und der mangelnden Bereitschaft zur drastischen Ausgabenkürzung (etwa im Verteidigungsetat), scheint es ausgeschlossen, dass Griechenland seine Schulden mindern kann: Jede Aussetzung von Ultimaten führt noch zu einer weiteren Erhöhung des Schuldenberges.

Sollte man dann den „unausweichlichen Grexit“ befürworten?
Vergleichen wir die Gesamtsituation mit der Finanzkrise von 2007/2008, dann drängt sich das Beispiel der Lehmann-Pleite auf. Die Lehmann-Krise begann im September 2008, als ein Quartalsverlust von 3,9 Mrd. US$ vermeldet wurde. Verkaufsbemühungen von Geschäften scheiterten und am 15. September 2008 beantragte Lehmann die Insolvenz gemäß Chapter 11 nach dem US-Insolvenzrecht. Nachdem die US-amerikanische Regierung drei große Banken (Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac) mit Milliarden US-Dollar gestützt hatte, war der politische Druck, weitere Banken nicht aufzufangen, so groß geworden, dass der damalige US-amerikanische Finanzminister Henry Paulson (Gegenspieler des Lehman-Vorstandsvorsitzenden Richard Fuld) nach der Absage der britischen Barclays-Bank, sich an Lehman zu beteiligen, keine weitere Unterstützung bereitstellte, was – entgegen dem bisherigen Grundsatz too big to fail – zur Insolvenz von Lehman Brothers führte. Der Schaden, der durch diese plötzliche Insolvenz hervorgerufen wurde, wird auf 50 bis 75 Milliarden US-Dollar geschätzt. Lehman Brothers soll einen Schuldenberg von über 200 Milliarden US-Dollar hinterlassen haben. Die Folgen der Insolvenz der Lehmann Brothers Holding blieben nicht auf die USA begrenzt. Der Zusammenbruch, der in den USA begann und zunächst scheinbar auf das Platzen einer Immobilienblase beschränkt war, gedieh zu der großen globalen Finanzkrise: Sie äußerte sich u. a. darin, dass die Banken sich „gegenseitig nicht mehr über den Weg trauten“, sodass weltweit wesentlich weniger Kredite vergeben wurden. Dies machte bis in die Gegenwart eine Vielzahl von Maßnahmen der Einzelstaaten und ganzer Staatengemeinschaften erforderlich. Angesichts dieses Flächenbrandes und der Auswirkung auf die weitere Finanzkrise fragen sich Fachleute heute, ob es wirklich richtig war, Lehmann Pleite gehen zu lassen. Immerhin hat aber die Lehmann-Pleite zu einer erneuten Regulierung des Bankensektors geführt und die Risiken aus dem Konkurs systemrelevanter Geldhäuser reduziert.
Die Folgen der Lehmann-Pleite sind überwunden. Die Börse ist nach dem Einbruch wieder im Höhenflug, momentan gedämpft durch die Sorge um Griechenland. Die globalen M&A-Märkte haben wieder den Stand vor der Finanzkrise erreicht. Kann man den Lehmann-Fall und die ausgelöste globale Banken- und Finanzkrise als „Blaupause“ für die Behandlung der Griechenland-Krise und eventueller Folgewirkungen nehmen? Darf man Griechenland pleite gehen lassen? 
Ließe man sich von Griechenland erpressen, dann könnte die Bereitschaft zur Haushaltsdisziplin auch in anderen europäischen Ländern darunter leiden, dann wären Folgewirkungen in den schwachen (und in leichter Erholung befindlichen) Euro-Ländern wie Spanien, Italien, Frankreich zu erwarten. Die insgesamt erfolgreiche Austeritätspolitik, tapfer getragen auch von den östlichen Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft, etwa im Baltikum oder Polen (als Beispiel für eine Landeswährung), wäre am Ende gefährdet. 
Sollte man dann die Politik der endlosen Verhandlungen, der wiederholten Ultimaten mit Griechenland weiterführen? Soll man mit einem Spiel-Theoretiker und Marxisten, der der Kultur des endlosen osmanischen Teppichhandelns entspringt, immer weiter sprechen?Nach der Ankündigung eines Referendums über die Spar-Pläne durch Alexis Tsipras, drehen die Gläubiger nun den Geldhahn zu. Trotzdem stimmte das Parlament für eine Volksabstimmung. Die käme zu spät. Präsident Tsipras spricht von "Erpressung" und "Kriegserklärung". Am 30. Juni läuft das Hilfsprogramm aus. Dann ist Griechenland pleite. Der Grexit hat schon begonnen. 
Wenn Griechenland in die Insolvenz gerät, dann sind hoffentlich alle Vorkehrungen getroffen, dass es (a) in Griechenland zu keiner sozialen Katastrophe kommt und (b) zu keinem Flächenbrand in Europa: Der griechische Austritt aus der Währungsunion wäre das Beispiel für die Reversibilität der europäischen Einigungsbewegung. Allerorten stehen die radikalen EU-Gegner in Form nationalistischer Parteien parat, die sich gerade (skurrilerweise) auch noch im EU-Parlament zusammenschließen.

Was hat das alles mit M&A zu tun? Viel!
Der Grexit wäre – auf Konzerne übertragen- ein hochkomplexes Carve-Out-Projekt („Klasse 1“). Wir haben dafür Prozesse, wie wir sie in meinem Buch „M&A-Prozesse erfolgreich führen“ veröffentlicht haben. Die Kernaussagen sind:

  • Am Anfang steht die Carve-Out-Strategie, für die ein Team zu beaufschlagen ist, Dauer 1-2 Wochen
  • Dann folgt der Carve-Out-Plan, Dauer 2-4 Monate
  • Parallel dazu läuft der Entwurf der Transitional Service Agreements, d.h. Dienstleistungen für die Carve-Out-Einheit, zu denen sich der Verkäufer über eine bestimmte Zeit verpflichtet (Verträge gegen Bezahlung)
  • Dann folgt die Carve-Out-Umsetzung von 3-12 Monaten
  •  Parallel dazu die Verhandlung und das Management von TSAs (Transitional Service Agreements)
  • Dann ist die unternehmerische Einheit „Stand alone ready“ gestellt.
  • Die weiteren Schritte dienen der Integration in die übernehmende Gesellschaft und sind nicht mit der Stand Alone-Stellung eines Nationalstaates vergleichbar. Zugegeben – das unternehmerische Beispiel ist nicht unmittelbar auf nationalstaatliches CarveOut übertragbar, insbesondere nicht, was das „Zusammensammeln“ von Assets aus der Muttergesellschaft betrifft. Es gibt jedoch Grundregeln des planerischen Handelns:
  • Man muss sich vorbereiten
  • Die Prozesse müssen identifiziert und inhaltlich wie zeitlich geplant werden
  • Zur Beschleunigung sind Prozesse zu parallelisieren
  • Man muss ganzheitlich vorgehen
  • Es gibt harte und weiche Faktoren zu berücksichtigen

Hier setzen im Falle Griechenlands Fragen an wie:

  • Sind alle Prozesse definiert worden? Auf nationaler wie auf internationaler Ebene?
  • Sind sie in ihrer Länge und ihren Abhängigkeiten definiert?
  • Ist das Programm der harten Maßnahmen definiert?
  • Wurde im Vorfeld ein Risk Assessment durchgeführt?
  • Wurden die Reaktionen der griechischen Öffentlichkeit antizipiert? Etwa durch sogenannte Pulse Checks für die „weichen“ Faktoren?
  • Wurde ein Kommunikationsprogramm aufgesetzt?

Prof. Dr. Kai Lucks

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