Dornröschen: Deutschland im digitalen Dauerschlaf?

Prof. Dr. Kai Lucks

Es war einmal eine kleine Prinzessin. Ihr digitales Reich war so schön, dass alle Welt sie beneidete. Denn hier wurden die ersten autonom fahrenden Autos entwickelt (Bundeswehr-Universität München, 1980er Jahre). Auch das Deep Learning-Verfahren LSTM, ein künstliches neuronales Netz, wurde hier erfunden (TU München, 1990er).

Der lange tiefe Schlaf

Doch dann fiel ihr Land in einen tiefen Schlaf. War das eine böse Fee? War der Schlossturm nicht hoch genug, um zu sehen, was im Reich von Uncle Sam geschah? War es etwa die Nabelschau nach der Wiedervereinigung, die den Blick nach den USA trübte? War es Hochmut? Oder waren alle im Lande leicht hörbehindert und so konnten weder Prinzessin noch ihr Hofstaat das Lärmen aus China wahrnehmen?

Jedenfalls wurde es eher still um die Digitalisierung in unserem Lande, während in den Reichen Amerikas und Chinas ein wahrer Kampf um Märkte und Technologien losgetreten wurde.

Jahrzehnte vergingen wie im Schlaf. Und mit ihnen verließ eine digital angehauchte Branche nach der anderen unser Land: die Fotoindustrie, die Braune Ware, die Computerindustrie, die Kommunikationstechnik, die Kernkraft, weite Teile von Biotech und Pharma sowie jüngst die Photovoltaik. Doch der Hofstaat nahm das nicht so richtig wahr.

Drei Prinzen aus dem Autoland

Da traten drei Prinzen auf, aus der Auto-Grafschaft. Sie waren plötzlich erschreckt aufgewacht aus ihrem Tiefschlaf und rieben sich die Augen als sie sahen, dass sie ihre Führungspositionen verloren hatten: bei der Elektromobilität und beim Autonomen Fahren. Die wollten nun auch die Prinzessin wecken und drangen durch die Dornenhecke bis in ihr Gemach. Und flüsterten ihr ins Ohr. Der eine versprach 50 Milliarden Euro, die er in besagte Technologien investieren wollte. Das entsprach immerhin 2/3 des Börsenwertes seiner Hofstatt (VW). Der zweite sagte 10 Milliarden Euro zu, um innerhalb von vier Jahren sieben neue E-Modelle an den Markt zu bringen (Mercedes). Der dritte sagte etwas ganz leise, das man nicht genau hören konnte, aber es klang so als wolle er nun ganz schnell alles nachholen aber er hatte sein Geldsäckel für dieses Jahr schon geleert (BMW).

Wacht die Prinzessin nun auf?

Die Prinzessin tat die Augen leicht auf – und sah, dass die schönsten Prinzen im Lande vor ihr standen. Aber gleichzeitig hörte sie das Schnarchen in ihrem Hofstaat und das drohte, sie wieder einzulullen. Aber die Prinzen packten sie allesamt bei der Schulter und verlangten, dass sie aufstände und zumindest den Zeremonienmeister rufe. Das tat sie dann auch.

Die Hofschranzen wehren sich

Mit gebrochener Stimme rief der Zeremonienmeister die Hofschranzen. Sie sammelten ihre morschen Knochen, erhoben ihre müden Häupter und richteten ihr Gehör auf den Meister. Also sprach dieser: Leute, wacht aus Eurem Digitalschlaf auf! So wollen es Prinzen aus der Wirtschaft! Darauf erhob sich ein Raunen, das nichts Gutes verhieß. Einer von ihnen trat schließlich vor. Er sagte: der Kaiser (die EU-Kommission) hätte ja vor über 10 Jahren ein Edikt erlassen, nach dem digitale Verwaltungsprozesse eingeführt werden sollten, unter anderem das „Once-Only-Prinzip“, wonach jede Information über jeden Bürger nur einmal erfasst und die jeweils relevanten Ämter verfügbar gemacht werde. Das sei aber gar nicht gut für die Verwaltung, denn dadurch gibt es ja weniger Arbeit für die Hofschranzen. Da sei die Böse Fee gerade zur rechten Zeit gekommen und man habe sich gleich mit zum Schlafen gelegt.

Die Prinzen warnen

Inzwischen waren die Prinzen hinzugetreten. Nun hellwach geworden riefen Sie alle durcheinander, dass ja die Verwaltungsprozesse ihr Geschäft schädige, denn diese seien zu teuer und dauerten viel zu lang. Was durch die Digitalisierung der Industrie gewonnen würde, werde durch Verwaltungsprozesse und durch eine weitere Explosion von Regularien zunichte gemacht. So könne das Land keine Schlacht gewinnen. Viel schlimmer noch: es würde Ross und Reiter in den Abgrund stürzen.

Der Großwesir meldet sich

Vom Lärm aufgeweckt betrat nun der Großwesir den Raum. Alles verstummte als dieser seine tiefe Stimme erhob. Beschwichtigend hob er die Hände: liebe Leute! Digitalisierung ist eine Aufgabe, die die gesamte Gesellschaft angeht. Industrie und Verwaltung, Bürger und Prinzen müssen zusammenhalten. Jeder muss von jedem lernen. Unser Land kann gegen die großen Reiche im Osten wie im Westen nur bestehen wenn wir wieder führende Positionen erreichen. Noch haben wir die Astronomen im Lande, die einen guten Ruf in der Forschung haben und die sogar den Amerikanern und den Chinesen Wege weisen – so etwa bei der Künstlichen Intelligenz….

Der Quartiermeister unterbricht ihn

…aber das ist nur die halbe Miete: wir müssen umsetzen! Durchschlagenden Erfolg haben wir nur, wenn wir Wissen in den Markt tragen und zu Cash machen. Wir können uns gegen die mittlerweile etablierten digitalen Großmächte nur behaupten wenn wir neue Technologien als erste an den Mann bringen. Bei einer „neuen KI“ in Verbindung mit B2B-Umsetzung etwa hätte Deutschland gute Chancen.

Weiteres wurde nicht berichtet. Es ist nicht einmal bekannt, ob alle wirklich aufgewacht sind, ob einige weiterschlafen oder sich wieder zurückziehen und ihre Pfründen pflegen...und da stehen wir heute: ein Märchen mit offenem Ausgang.